Acht Stufen, 100 Beschäftigte, 4.100 Fahrzeuge pro Jahr
Die Linie nimmt zunächst Vorserienfahrzeuge an und soll später Altfahrzeuge verarbeiten. Bau und Genehmigungen dauerten neun Monate und waren drei Monate früher als geplant abgeschlossen; laut VW lassen sich vorhandene Fertigungsanlagen wiederverwenden, um Kosten zu senken. Zwickau baut bereits sechs Modelle auf MEB-Basis für Volkswagen, Audi und Cupra. Das letzte Verbrennerauto verließ das Werk im Juni 2020; der Umbau wurde im Januar 2022 mit dem ID.5 abgeschlossen.
Die Rechnung hinter 4.100 Fahrzeugen
Auf ein typisches Jahr mit 250 Arbeitstagen gerechnet, bedeuten 4.100 Fahrzeuge etwa 16 Fahrzeuge pro Arbeitstag, oder grob ein Fahrzeug pro Stunde und Schicht im Zweischichtbetrieb. Durch die 100 umgeschulten Beschäftigten geteilt, ergibt das 41 Fahrzeuge pro Beschäftigtem und Jahr. Mit dem angekündigten Rahmen von 90 Millionen Euro ergibt sich eine Investition von etwa 21.950 Euro pro Einheit Jahreskapazität – eine Zahl, die erst Sinn ergibt, wenn die Linie zuverlässig läuft – deshalb ist der Hochlauf ab 2027 wichtiger als die Eröffnungsfeier.
Gemessen an der Produktion ist der Umfang winzig. Zwickau war für mehr als 300.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt, 4.100 entsprechen daher etwa 1,4 % davon. Die Volkswagen Group hat über eine Million MEB-Fahrzeuge gebaut; bei 4.100 pro Jahr würde die Demontage einer Million Fahrzeuge etwa 244 Jahre dauern. Das ist keine Lösung für die Altfahrzeugfrage. Es ist ein Pilotprojekt mit Geschäftsplan.
Teile zuerst, Kunststoff danach
Die Erlösquelle, über die VW am meisten spricht, sind gebrauchte Originalteile. Türen, Stoßfänger, Motoren und Getriebekomponenten sind Berichten zufolge am stärksten nachgefragt; verkauft werden sie über Händler- und Servicenetze, freie Werkstätten und Teilehändler. Die Logik ist einfach: Ein günstigerer Motor oder eine günstigere Tür kann einen sieben Jahre alten ID.3 auf der Straße halten, statt ihn zum Totalschaden zu machen.
Als Nächstes kommt die Materialrückgewinnung. Laut VW könnte Kunststoff, der aus einem Fahrzeug getrennt wird, zu recyceltem Material für drei neue Autos beitragen – allerdings nicht für den gesamten Kunststoff in diesen Fahrzeugen. Diesen Satz sollte man zweimal lesen. Es ist ein Beitrag, kein geschlossener Kreislauf, und das Unternehmen nennt keine Tonnagen.
Brüssel legt die Ziele für Recyclinganteile fest
Die europäischen Regeln zielen in dieselbe Richtung. Die EU-Batterieverordnung (2023/1542) verlangt ab 18. August 2031 dokumentierte Recyclinganteile in E-Auto-Batterien: 16 % Kobalt, 85 % Blei, 6 % Lithium und 6 % Nickel, ab 18. August 2036 steigend auf 26 % Kobalt, 12 % Lithium und 15 % Nickel. Der Vorschlag der Kommission von 2023 für eine Verordnung über Altfahrzeuge sieht 25 % Recyclingkunststoff in neuen Fahrzeugen vor, ein Viertel davon aus verschrotteten Fahrzeugen. Die bestehende ELV-Richtlinie fordert bereits 85 % Wiederverwendung und Recycling sowie 95 % Wiederverwendung und Verwertung nach Gewicht.
Diese Zahlen erklären, warum ein Autohersteller die Demontage lieber selbst kontrolliert, als sie Schrottplätzen zu überlassen. Das Material muss irgendwoher kommen, und die Nachweiskette muss belastbar sein.
Auch Renault und Stellantis verkaufen gebrauchte Teile
VW ist hier nicht der Erste. Renault betreibt seinen Standort Flins bei Paris seit 2020 als Re-Factory mit Aufarbeitung, Wiederaufbereitung von Teilen und Recycling, und Stellantis verkauft wiederaufbereitete Komponenten unter der Marke SUSTAINera. Anders in Zwickau ist der Standort: Ein Werk, das neue E-Autos baut, zerlegt sie nun auch – unter demselben Dach und teilweise mit denselben Anlagen.
Was Halter damit tun können
Wenn Sie ein MEB-Fahrzeug fahren, stellt sich die praktische Frage, ob sich ein wiedergewonnener Originalmotor oder eine Tür gegenüber einem Neuteil oder einem Teil vom Schrottplatz lohnt. Fragen Sie Herkunft und Garantie schriftlich ab, denn VW hat beides nicht veröffentlicht. Für die Betriebskosten eines Fahrzeugs, das Sie behalten wollen, liefern Ihnen unser E-Auto-Sparrechner und unser Ladekostenrechner den Wert pro 100 km, den Sie mit einer Reparaturrechnung vergleichen können. Die technischen Daten aktueller Modelle finden Sie in unserem E-Auto-Katalog.
Nach 2031 ist kein Produkt geplant
In Zwickau ist über 2031 hinaus keine Fahrzeugproduktion geplant, daher sichert die Recyclinglinie den Standort nicht allein langfristig. Laut VW könnte das Geschäft irgendwann 1.000 Arbeitsplätze tragen; das ist eine Prognose, kein Zeitplan. Der Druck chinesischer Marken steigt unterdessen weiter, auch mit Modellen, die direkt auf europäische Familien zielen, etwa dem BYD Ocean MPV, 5.145 mm lang mit sieben Sitzen.
Offen bleibt der Punkt, der darüber entscheidet, ob sich das kommerziell trägt: VW hat weder Teilepreise noch Verkaufszahlen oder Garantiebedingungen veröffentlicht und auch nicht, wie ein Motor oder eine Tür vor dem Weiterverkauf geprüft wird. Solange diese Zahlen fehlen, sind 4.100 Fahrzeuge pro Jahr eine Kapazitätsangabe, kein Geschäftsmodell.
Quelle: https://insideevs.com/news/813972/vw-zwickau-dismantling-ev-line/