Was ist AllDayEnergy?
AllDayEnergy wurde am 27. Juli 2026 angekündigt und ist die neue Dachmarke für alle Energiedienstleistungen von Hyundai, Kia und Genesis. Der Konzern bündelt damit seine bisher verstreuten Pilotprojekte – vom groß angelegten V2G-Test auf Jeju bis zu V2H-Notstromtests in den USA während der Waldbrände – unter einer einheitlichen Identität.
Der Rollout ist modular aufgebaut. Phase 1 (zweite Jahreshälfte 2026, zuerst Großbritannien) ist V1G Smart Charging: Die Ladezeit wird dynamisch an aktuelle Stromtarife, Netzlasten und Nutzerpräferenzen angepasst. Der Strom fließt nur in eine Richtung – vom Netz ins Auto. Phase 2 bringt dann vollständiges bidirektionales Laden: V2G (Rückspeisung ins Netz) und V2H (Stromversorgung des Hauses).
Die Dienste sollen direkt über die Fahrzeug-Apps von Hyundai und Kia zugänglich sein, Lösungen von Drittanbietern werden damit überflüssig. Woong Tae Hwang, Vice President und Leiter der EV Energy Strategy Group bei der Hyundai Motor Group, nennt als Ziel, Kunden könnten „ihre Energienutzung nahtlos optimieren, ihre Energiekosten senken und zur Nachhaltigkeit des Netzes beitragen“.
Europäische Perspektive: erst Großbritannien, dann Kontinentaleuropa
Der Marktstart in Großbritannien Ende 2026 ist naheliegend – dort gibt es dynamische Stromtarife (etwa Agile oder Intelligent Octopus von Octopus Energy), die gut zu Smart Charging passen. Von dort aus wollen Hyundai und Kia nach Kontinentaleuropa, in die USA und nach Korea expandieren.
Für europäische Leserinnen und Leser lautet die entscheidende Frage: Wie viel lässt sich tatsächlich sparen? Rechnen wir das einmal durch. Unsere Supercharger-Datenbank zeigt, dass öffentliches DC-Schnellladen in Europa zwischen 0,35 €/kWh (günstigste Tesla Supercharger in Spanien) und über 0,79 €/kWh kostet (Ionity in Deutschland ohne Abo). Das Laden zu Hause kostet dagegen typischerweise zwischen 0,08 €/kWh (Nebenzeiten in Frankreich) und 0,35 €/kWh (Spitzenzeiten in Deutschland).
Wenn das Smart Charging von AllDayEnergy das Laden zu Hause in die günstigsten Nebenzeiten verschiebt – sagen wir von 0,30 €/kWh auf 0,15 €/kWh – und Sie eine 77-kWh-Batterie (etwa im Kia EV6 Long Range) von 10 % auf 80 % laden (54 kWh nutzbar), sparen Sie 8,10 € pro vollständiger Ladung. Bei 20.000 km pro Jahr und rund 18 kWh/100 km im Realverbrauch sind das etwa 162 € Ersparnis bei den Ladekosten pro Jahr – allein durch intelligente Zeitplanung, ganz ohne V2G.
Zum Vergleich: Unser E-Auto-Sparrechner zeigt, dass der Wechsel von einem Dieselauto (1,55 €/Liter, 6 l/100 km) zu einem E-Auto, das mit 0,15 €/kWh geladen wird, allein beim Kraftstoff rund 1.100 € pro Jahr spart. Intelligentes Laden bringt noch einmal etwa 15 % obendrauf.
Bidirektionales Laden: der eigentliche Gamechanger (später)
Phase 2 – V2G und V2H – ist der wirklich interessante Teil von AllDayEnergy. Hyundai und Kia haben bereits Fahrzeuge mit bidirektionaler Fähigkeit: Hyundai Ioniq 5, Kia EV6 und Genesis GV60 unterstützen alle V2L (Vehicle-to-Load) und mit der passenden Hardware auch V2G.
In den Niederlanden hat Hyundai einen V2G-Pilotversuch in Utrecht durchgeführt, bei dem Ioniq-5-Besitzer in Spitzenzeiten Strom ins Netz zurückverkaufen konnten. Die Rechnung ist verlockend: Wer Strom in der Nebenzeiten zu 0,10 €/kWh einkauft und in Spitzenzeiten zu 0,40 €/kWh zurückverkauft, erzielt eine Marge von 0,30 €/kWh. Mit einer 77-kWh-Batterie (nutzbare Kapazität rund 70 kWh) ließen sich theoretisch bis zu 21 € pro vollständigem Zyklus verdienen – doch Batteriedegradation und Verluste bei der Round-Trip-Effizienz (typisch 10–15 %) schmälern das.
Die Realworld-Tests von Bjørn Nyland mit dem Ioniq 5 zeigen eine Ladeeffizienz von etwa 92 % bei 50 kW DC. Bei V2G ist die Round-Trip-Effizienz (AC-Laden → Batterie → AC zurück ins Netz) niedriger – rechnen Sie mit 80–85 %. Damit liegt die reale Marge eher bei 0,20 €/kWh, also 14 € pro vollständigem Zyklus. Immer noch relevant, aber kein Goldrausch.
Unser Realreichweiten-Rechner (auf Basis der Daten von Bjørn Nyland) hilft Ihnen abzuschätzen, wie viel Batteriekapazität Ihnen nach Abzug Ihres täglichen Fahrbedarfs tatsächlich zur Verfügung steht – entscheidend für die V2G-Planung.
Wie sieht es mit Hardware und Kompatibilität aus?
AllDayEnergy läuft über die bestehende Fahrzeug-App, was clever ist – keine zusätzlichen Dongles oder Konten bei Drittanbietern. Eine kompatible bidirektionale Wallbox brauchen Sie aber trotzdem. In Europa sind die führenden Optionen Wallbox Quasar 2, myenergi zappi (mit V2G-Unterstützung) und Indra V2G. Die Preise liegen installiert zwischen 800 € und 1.500 € – eine erhebliche Vorabinvestition.
Für V2H (Notstromversorgung im Haus) ist die Hardware einfacher: ein bidirektionaler Wechselrichter und ein Umschalter. Bei einem Stromausfall kann Ihr E-Auto wichtige Stromkreise über Tage versorgen. Hyundai hat das bereits in Kalifornien während der Waldbrandsaison getestet – ein Kia EV9 mit 99,8 kWh Batterie kann ein typisches Haus 3–5 Tage ohne Netzstrom versorgen.
Wettbewerb: Wer macht das noch?
Hyundai und Kia sind nicht allein. Volkswagen baut über die ID.-Modelle und die Energiemarke Elli ein eigenes V2G-Ökosystem auf. Nissan praktiziert V2G mit dem Leaf seit Jahren (allerdings verliert CHAdeMO in Europa an Bedeutung). Ford bietet V2H mit dem F-150 Lightning (in Europa nicht erhältlich). Und MG (SAIC) hat V2L in den meisten Modellen, aber noch keinen integrierten V2G-Dienst.
Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal von AllDayEnergy ist die markenübergreifende Bündelung – eine App für Hyundai, Kia und Genesis. Für Haushalte mit mehreren E-Autos ist das ein großer Vorteil. Wer einen Kia EV6 und einen Hyundai Ioniq 6 hat, verwaltet beide über eine Oberfläche.
Praktische Folgen für europäische Käuferinnen und Käufer
Wenn Sie heute ein E-Auto von Hyundai oder Kia in Erwägung ziehen, bedeutet AllDayEnergy für Sie Folgendes:
- Phase 1 (Smart Charging) kommt Ende 2026 nach Großbritannien, Kontinentaleuropa wahrscheinlich 2027. Wenn Sie bereits einen dynamischen Tarif haben, sparen Sie 100–200 € pro Jahr bei den Ladekosten.
- Phase 2 (V2G/V2H) folgt später, erfordert aber eine bidirektionale Wallbox (800–1.500 €). Die Amortisationszeit liegt bei 3–5 Jahren, wenn Sie aktiv mit Energie handeln.
- Ihr Auto kann das schon – Ioniq 5, EV6 und GV60 unterstützen bidirektionales Laden. Sie müssen nicht auf ein neues Modell warten.
- Prüfen Sie Ihren Netzbetreiber – einige europäische Länder (etwa Deutschland und die Niederlande) haben günstige V2G-Regeln, andere (etwa Tschechien) holen noch auf.
Derzeit ist der praktischste Schritt, einen dynamischen Stromtarif abzuschließen und mit dem intelligenten Laden manuell zu beginnen (oder über eine Drittanbieter-App wie Tibber). Wenn AllDayEnergy in Ihren Markt kommt, verläuft der Übergang reibungslos.
Für mehr Hintergrund lesen Sie unsere Analyse der Tesla-Supercharger-Preise in Europa und unseren Vergleich der realen Autobahnreichweiten, um zu sehen, wie weit diese Hyundai-/Kia-Modelle mit einer Ladung tatsächlich kommen.
Funktioniert AllDayEnergy auch mit älteren E-Autos von Hyundai und Kia (z. B. Ioniq 5 von 2022)?
Ja – Ioniq 5, EV6 und GV60 ab Baujahr 2022 verfügen über die Hardware für bidirektionales Laden. Allerdings kann ein Software-Update (voraussichtlich per OTA) nötig sein, um die Dienste von AllDayEnergy zu aktivieren. Ältere Modelle wie der Kia e-Niro oder der Hyundai Kona Electric unterstützen kein V2G/V2H, können aber vom Smart Charging der Phase 1 profitieren, sofern sie eine vernetzte App haben.
Ist AllDayEnergy kostenlos, oder fällt eine Abogebühr an?
Hyundai und Kia haben noch keine Preise genannt. Angesichts des Branchentrends (Tesla verlangt 9,99 $/Monat für Premium Connectivity, Ford berechnet BlueCruise) ist eine kleine Monatsgebühr für den V2G-Energiehandel wahrscheinlich. Das Smart Charging der Phase 1 könnte kostenlos in den vernetzten Diensten des Fahrzeugs enthalten sein.
Kann ich AllDayEnergy mit einer Wallbox nutzen, die nicht von Hyundai/Kia stammt?
Für Phase 1 (Smart Charging) sollte jede OCPP-kompatible Wallbox funktionieren – die App steuert den Ladeplan. Für Phase 2 (V2G/V2H) brauchen Sie eine bidirektionale Wallbox, die den Standard ISO 15118-20 unterstützt. Hyundai/Kia werden voraussichtlich zertifizierte Partner empfehlen, doch offene Standards sprechen dafür, dass auch Lösungen von Drittanbietern funktionieren.