Von NEDC zu WLTP: der erste Realitätsabgleich
Der NEDC-Wert von 553 km stammt aus einer Frontantriebs-Konfiguration mit einem Motor (160 kW / 275 Nm), gespeist aus einem Lithium-Eisenphosphat-Akku mit 65,05 kWh. NEDC ist bei Elektroautos bekanntermaßen großzügig. Reale Messungen in der Testdatenbank von Bjørn Nyland zeigen durchgängig, dass der neuere WLTP-Standard etwa 15–18 % weniger Reichweite liefert als der ältere NEDC-Zyklus.
Legt man einen konservativen Umrechnungsfaktor von 0,82 zugrunde, landet die wahrscheinliche WLTP-Reichweite des O4 EV bei rund 453 km. Das ist für ein Kompakt-SUV weiterhin ein respektabler Wert, liegt aber schon volle 100 km unter dem Marketing-Versprechen. Die eigentliche Frage ist jedoch, was eine europäische Familie bei konstant 120 km/h auf einer deutschen Autobahn erwarten könnte — oder an einem eisigen Morgen in Tschechien.
Reichweite auf der Autobahn: Was die Muster von Bjørn Nyland nahelegen
Bislang hat niemand Messgeräte an einen O4 EV gehängt, doch wir können uns auf die Muster stützen, die in Hunderten von realen Reichweitentests von Bjørn Nyland dokumentiert sind. Über ein breites Spektrum von E-Autos hinweg zehrt der Autobahnverbrauch deutlich an der WLTP-Reichweite: Bei 120 km/h bleiben typischerweise rund 65 % des WLTP-Werts, bei 90 km/h sind es eher 75 %. Der Winter zieht noch einmal 15–20 % ab.
Setzt man die geschätzten 453 km WLTP in diese Verhältnisse ein, ergibt sich:
- Sommer, 90 km/h: ~340 km
- Sommer, 120 km/h: ~290 km
- Winter, 120 km/h: ~240 km
Das sind auf Berechnungen beruhende Schätzungen, keine Laborwerte. Sie spiegeln jedoch das, was wir bei der Analyse der überoptimistischen CLTC-Reichweite des Xiaomi Skynomad N70 berichtet haben — eine wichtige Erinnerung daran, dass „550+ km“ auf einem Datenblatt nicht bedeutet, dass man von Prag nach Hamburg ohne Ladestopp fahren kann.
Ladegeschwindigkeit und was europäische Elektronen kosten würden
Laut Omoda nimmt der 65-kWh-Akku bis zu 119 kW Gleichstrom (DC) auf und lädt von 20 auf 80 % in 22 Minuten. Das geht rechnerisch auf: Ein Nachladen um 60 % (rund 39 kWh) bei einer Durchschnittsleistung von etwa 106 kW passt in das 22-Minuten-Fenster. Auf einer langen Reise würde ein 10-minütiger Zwischenstopp bei Spitzenleistung rund 140 km realer Sommer-Autobahnreichweite bringen — für europäische Fahrten absolut brauchbar.
Was würde diese Energie kosten? Unsere Datenbank mit Supercharger-Preisen erfasst 483 Standorte in Europa. Ohne Abo zahlen Sie zwischen 0,35 €/kWh (z. B. EnBW in Deutschland) und 0,79 €/kWh (Ionity). Eine Ladung von 10 auf 80 % — netto etwa 45 kWh — kostet damit zwischen 15,75 € und 35,55 €. Umgerechnet auf 100 km bei einem realistischen Sommer-Autobahnverbrauch von 18 kWh/100 km ergibt das für den O4 EV:
- 6,30 € / 100 km an den günstigsten Schnellladern
- 14,22 € / 100 km bei Spitzentarifen
Zum Vergleich: Ein Diesel mit 6 l/100 km kostet bei 1,50 €/l 9,00 € / 100 km — wer zu Hause oder mit einem gut gewählten Tarif lädt, bleibt mit dem O4 also klar auf der Sparseite. Ihr eigenes Szenario können Sie mit dem Rechner für Ladekosten von E-Autos durchspielen.
Was der O4 EV für Europa bedeutet — und wann
Omoda hat bestätigt, dass der O4 nach Europa kommt: zunächst als Hybridversion in Großbritannien noch in diesem Jahr, danach die rein elektrische Variante. Für das europäische Festland wurden noch keine Termine oder Preise genannt. Das Auto wird voraussichtlich WLTP-Werte statt NEDC tragen, die offizielle Angabe fällt also niedriger aus — und, wie unsere Berechnungen zeigen, ehrlicher.
Die Chery Group, Mutterkonzern von Omoda, ist kein Neuling darin, Elektroautos auf europäische Straßen zu bringen. Erst im vergangenen Jahr haben wir über den Start der lokalen Montage von chinesischen Elektro-Lkw in Österreich berichtet, und die Wahl einer LFP-Batterie für den O4 passt zu dem Vorstoß für nachhaltige Materialien, den wir im Lithium-Recycling-Projekt PaNaBat beschrieben haben. Der Verzicht auf Kobalt macht die Lieferkette einfacher und wohl auch ethischer — ein leiser Pluspunkt für ein Auto, das über Preis und Vertrauen bestehen muss.
Vorerst liefert der indonesische Marktstart einen ersten Datenpunkt. Nach dem Realitätscheck wirken die Zahlen plausibel, doch die wahre Prüfung kommt, wenn jemand einen O4 EV im Januar über einen Bergpass fährt und ihn an einen europäischen Schnelllader steckt. Wir behalten das im Blick.
Quelle: https://www.electrive.com/2026/07/31/omoda-announces-o4-ev-launch-in-indonesia/